Teil 3: Gebäude

Heimat- und Geschichtsverein der Gemeinde Nörvenich e.V.

 

Der Arbeitskreis „Archäologie“ informiert. An dieser Stelle wollen wir in loser Folge

über die Arbeit auf dem „Römerfel“ bei Nörvenich berichten.

 

Teil 3 : Die Gebäude

  

Zur weiteren und genaueren Untersuchung der römischen Siedlung ist es dem Heimat- und Geschichtsverein  durch Vermittlung durch Frau P. Tutlies M. A., Leiterin des LVR/Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege in Nideggen-Wollersheim,  gelungen, dass das Archäologische  Institut der Universität zu Köln, unter Leitung von Prof. Dr. Heinzelmann und Frau S. Steidle M. A., in der letzten Oktoberwoche 2012 hier verschiedene geophysikalische Lehruntersuchungen mit ihren Studenten durchführen konnten. Diese Untersuchungsmethoden sind bei weitem aussagekräftiger als die der Luftaufnahmen. Hier das wichtigste Ergebnis:

Bei den in den Luftbilder zu erkennenden Spuren handelt es sich um einen vicus ,eine aus mehreren Strassen oder Gassen und Streifenhäuser bestehende Siedlung, deren wirtschaftlicher Schwerpunkt in der gewerblichen Produktion, Handwerk, Handel und Dienstleistung bestand. Obwohl man vielfach davon spricht, dass Vici sich „entwickelten“ oder „entstehen“, so scheint doch die strenge Parzellierung der Grundstücke auf eine staatliche Beteiligung und Planung hinzudeuten.

J. Kunow charakterisierte 1988 Vici, die aufgrund ihrer Lage und Verkehrsanbindung regionale Bedeutung besaßen als so genannte Zentralorte. Er zählt dazu die ersten Siedlungen, die bereits in augusteischer Zeit oder kurz darauf entstanden. Neben Jülich, Zülpich, Aachen, Mariaweiler, Gressenich und dem zivilen Vicus von Neuss, zählt er auch Nörvenich dazu. Diese Vici bestanden aus Häusern in Fachwerkbauweise.

Alle anderen Vici folgten in der Regel in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts, was mit dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung durch die Gründung der römischen Provinz Niedergermanien im Jahre 84 n. Chr. zusammenhängt. Während des Bataveraufstandes 69/70 n. Chr. waren die meisten Vici zerstört worden. Anschließend baute man die Häuser auf einen soliden Steinsockel oder ganz in Stein wieder auf.

Planmäßig angelegte Vici waren in lange und schmale Parzellen unterteilt, die rechtwinklig zu einer Hauptdurchgangsstraße angeordnet waren. Diese Grundstücke wurden von „Streifenhäusern“ eingenommen, die manchmal gemeinsame Seitenwände besaßen, oft aber auch durch Traufgassen voneinander getrennt waren. Vor den Schmalseiten der in Stein oder Fachwerk ausgebauten Häuser, verlief parallel zur Straße ein überdachter Fußweg, der die Hauszeile zu einer geschlossenen Front zusammenfasste. Hier befanden sich die Eingänge. In den Häusern wurde unter einem Dach gearbeitet und gewohnt: Im vorderen Teil der Gebäude gab es Werkstätten, Verkaufsräume, Kneipen und Arbeitsräume. Daran schlossen sich der Wohntrakt mit teils beheizten Räumen, Schlafzimmer und die Küche an. Auch im Obergeschoß konnte gewohnt werden.  Im hinteren Teil der Parzelle befanden sich Gärten, in denen weitere Produktionsstätten, wie Töpferöfen und Vorratskeller, Brunnen sowie Latrinen lagen. Vermutlich wurden dort auch Obst und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut und Kleintiere gehalten.

Model eines Streifenhauses:

  

 

 

 

Durch Funde von Hypokaustziegel und  Hohlziegel können beheizte Räume, sog. Hypokaustanlagen belegt werden.

Solche Hypokaustanlage bestanden aus einem vorgelagerten Heizraum, in dem das Feuer entfacht wurde, und einem von kleinen, den Fußboden tragenden Pfeilern aus Hypokaustziegel erstellten Hohlraum, durch den die heiße Luft streichen kann. Hohlziegel (Tubuli) in den Wänden führten die Heizluft nach oben ab. So erwärmten sich Fußboden und Wände gleichermaßen. Römische Fußbodenheizungen waren also gleichzeitig auch Wandheizungen. Für den Betrieb benötigte man sehr viel Brennmaterial, hauptsächlich Holz.

Hier Bruchstücke solcher Hypokaustziegel und  Tubuli von unserem Fundplatz.

 

Die Dächer der Gebäude waren, typisch römisch, mit gebrannten Dachziegeln gedeckt. Massenweise Bruchstücke dieser so genannten Tegulae (Grundplatten) und Imbrices (halbrunde Verschlussstücke) sind über das ganze Areal, vor allem aber im Bereich der Grundmauern, verstreut zu finden.

Mit solchen Ziegeln wurden typischerweise Dächer mit einer Dachneigung von 20 - 23 Grad eingedeckt. Die Tegulae liegen dabei alleine durch ihr Eigengewicht auf. Über die Stoßstellen der Tegulae werden die Imbrices, satt in reichlich Kalkmörtel, verlegt. Bei einer größeren Dachneigung musste die Befestigung der Tegulae mit Nägeln oder Holzstiften erfolgen.

Aber nur ein von uns gefundenes Ziegelbruchstück weist ein derartiges Loch  für Nägel oder Stifte auf.

 

Im Rheinland findet man auch oft vom Hersteller gestempelte Ziegel, vor allem Ziegel die in legionseigenen Ziegeleien, aber auch in privaten Ziegeleien hergestellt wurden. Auch sind oft Fuß- oder Schuhabdrücke oder Graphits zu finden. Auf den von uns gefundenen Ziegelresten sind aber nur vereinzelt Tierpfotenabdrücke von Hund, Katze oder aber auch von Wildtieren zu sehen. Sie entstanden, als die noch frischen Ziegelrohlinge in der Ziegelei zum Trocknen ausgelegt wurden.

 

Über die Anzahl der Stockwerke der Gebäude können keine Angaben gemacht werden, doch hatten die Gebäude in den ländlichen Siedlungen typischerweise ein Erd- und ein Obergeschoss, viele Gebäude weisen auch Kellerräume auf.

 

Dass  ein bestimmter Wohlstand in der Siedlung herrschte, sieht man nicht nur an der Tatsache, dass manche Räume durch Hypokausten beheizt werden konnten, sondern auch an diesen, wenn auch kleinen Fundstücken.

Es handelt sich dabei um ein türkisfarbenes oder grünliches römisches Flachglas, dessen Vorderseite im Gegensatz zur seiner rauen, matten Rückseite glatt und glänzend ist. Dies ist charakteristisch für römisches Fensterglas.

Bei  der Herstellung der Fensterscheiben wurde die Glasmasse in einem Sandbett flach ausgezogen. Dies raute die Unterseite auf, während die Oberseite glatt blieb.

Die Fensterscheiben ließen zwar ausreichend Licht einfallen, um den Raum zu erhellen, doch gestatteten sie weder Aus- noch Einblick.

In einfachen Häusern wurde anstelle des teuren Glases in Holzrahmen gespannte Pergamenthaut verwendet.
 

 

Literatur: 25 Jahre Archäologie im Rheinland 1987-2011  Die Herstellung römischer Dachziegel- Experimentelle Archäologie  Seite 226 ff.,  Zivile Siedlungen (vici) im Rheinland  Cornelius Ulbert  S. 349 ff.  Ländliche Besiedlung links und rechts des Rheins  Clive Bridge u.a. S.355 ff., M. Brüggeler u. M. Gechter  Wirtschaft in römischen Reich S.376 ff..             

Fundgeschichten  Archäologie in Nordrhein-Westfalen 2010  Römische Vici im Rheinland Jeanne-Nora Andrikopoulou-Strack, Cornelius Ulbert und Gary WhiteS.147